Eisige Welten: Gletscher im Wandel

Die landschaftsprägenden Eismassen der Gletscher sind zu sichtbaren Ikonen der Klimakrise geworden. Fünf Personen erzählen, wie sie die Veränderung erleben – ein Porträt der schwindenden Schönheiten, die manche als Lebewesen sehen.


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(PDF: Meine „Eisige Welten“ erschien als Covergeschichte im Terra Mater Magazin 12/2019.


Prelude Simon: „Eine Geschichte über die bereist sichtbaren Auswirkungen der Klimakrise. In diesen Text sind insgesamt fünf Tage Vor-Ort-Recherce mit dem britischen Höhlenfotografen Robbie Shone (und bemerkenswerte Höhenmeter) eingeflossen. Viele spannende Treffen mit faszinierenden Persönlichkeiten, die in ihrem Leben eine besondere Verbindung zu der Materie Eis haben. Und am Schluss die etwas bittere Erkenntnis: Ein positives Exit-Szenario für den Text war die größte Herausforderung, denn die Gletscher haben wir mit unserer Konsum- und Erdölsucht bereits verspielt. Bitter, wären sie doch äußerst erhaltenswert. Alle Fotos unten sind Behind-The-Scenes von mir.“


1. DER FORSCHER

Das Eis als großes Freiluftlabor

Der erste Mai sollte ein Traumtag werden. Wolkenloser Himmel, ein bisschen Neuschnee, wenig Wind. Gut so, denn wenn man einen der führenden Glaziologen Österreichs treffen will, muss man schon mal rauf auf über 3.000 Meter. Auch wenn unten im Südtiroler Vinschgau bereits die Apfelbäume blühen, hier oben in den Ötztaler Alpen ist noch tiefster Winter, die Landschaft mit einer meterdicken Schneeschicht überzogen. 3,82 Meter, um ganz genau zu sein, und Rainer Prinz interessiert jeder Zentimeter davon.

Nur, ihn zu lokalisieren ist in der Praxis gar nicht so einfach – wir sind mit den Tourenski auf das „Hintere Eis“ gestiegen, stehen genau auf der Grenze von Nord- und Südtirol, vor uns ein Panorama der Extraklasse. Von hier oben betrachtet sieht man kleine, schwarze Punkte über das endlose Weiß des Hintereisferners ziehen, wie Ameisen, die über ein riesiges Bettlaken spazieren. Die meisten Ameisen bilden eine Straße in Richtung Weißkugel, mit 3.735 Metern der vierthöchste Berg Österreichs und an diesem Feiertag ein entsprechend begehrtes Gipfelziel bei Alpinisten. Nur zwei kleine Punkte in der Mitte des Gletschers reißen aus dem Pilgerstrom aus, verschwinden manchmal ganz, tauchen wenig später wieder an der Oberfläche auf. Erst aus der Nähe betrachtet entdeckt man den mannstiefen Schacht, aus dem alle paar Sekunden eine Schaufelladung Schnee nach oben katapultiert wird, mit unserem gesuchten Glaziologen darin. „Ab zwei Metern Tiefe wird das Schaufeln exponentiell anstrengender“, sagt Rainer Prinz und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „3,82 Meter sind es hier bis zum Eis. Das Schneeschaufeln fängt bei uns Gletscherforschern erst im Mai an. Gut, dass wir den ganzen Winter Zeit zum Üben hatten.“

Der Grund für diese glaziologische Schwerarbeit ist die Massenbilanz, die Prinz mit seinem Team am Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck jährlich für den Hintereisferner erstellt. Alle 20 vertikalen Zentimeter wird ein Röhrchen mit Schnee gefüllt und gewogen, die Dichte von Schnee reicht von 100 (lockerer Pulverschnee) bis 900 (festes Eis) Kilogramm pro Kubikmeter. „Auf die gesamte Gletscherfläche extrapoliert wissen wir dann, wie viel Wasser hier über den Winter gespeichert wurde.“ Jedes Jahr wird Bilanz gezogen, und das bereits seit über 60 Jahren, die zweitlängste Messreihe weltweit. Der Schneeschacht ist gleichzeitig ein konserviertes Witterungsprotokoll: Bei 3,50 Meter identifiziert Prinz eine kleine, gelbliche Schicht, „das ist Schnee vom letzten Oktober, vermischt mit Saharastaub. Da gab’s einen großen Sturm mit Überschwemmungen in Oberitalien“, erinnert sich der Forscher.

Der Hintereisferner wird ähnlich gut überwacht wie ein Patient auf der Intensivstation. Tägliche Messungen mit dem Laserscanner, Webcams, Wetterstationen, Schneeschächte, Massenbilanz – mittels High-Tech-Ausrüstung werden hier Messungen und Methoden verfeinert, die Modelle global angewandt. Für die Forscher ist die Gegend ein einmaliges, riesiges Freiluftlabor. „Solche Daten über einen derart großen Zeitraum sind weltweit fast einzigartig“, meint Prinz nicht ohne Stolz in der Stimme. Nur deuten alle Daten darauf hin: Der Patient liegt im Sterben.

DIE GLETSCHER VERÄNDERN SICH

Warum uns das alle etwas angeht erschließt sich erst nach Sonnenuntergang – und nach erledigter Arbeit in der kleinen Biwakschachtel der Uni Innsbruck. In exponierter Lage am Grat hoch über dem Gletscher ist sie seit 1966 ein Refugium für die Wissenschaftler. Ein kleines Matratzenlager gibt es hier, die Gaslampe flackert, am Herd köchelt die Kilopackung Spaghetti gemächlich Richtung al dente. Rainer Prinz kommt mehrmals im Jahr hier hoch, immer bepackt mit schwerem Rucksack voller Messinstrumente, Proviant, der obligatorischen Flasche Rotwein für den Abend. Gezeichnet vom ganzen Tag Schneeschaufeln unter der intensiven Höhensonne wird bei einem Glas Merlot erst so richtig klar, worum es ihm eigentlich geht: „Den Gletschern ist es ziemlich egal, ob sie schmelzen oder nicht. Die Auswirkungen treffen vor allem uns Menschen. Nur leider fehlt es oft am Verständnis für den größeren Zusammenhang der Dinge, für das System. Was uns die Gletscher geben, sind zeitverzögerte Alarmleuchten.“

Gipfelgrat der Weißkugel. Nicht direkt für die Recherche des Textes notwendig, aber ich halt halt grad da, might as well.

Dass sich das globale Klima rapide erwärmt, ist mittlerweile tausendfach belegt. Dass homo sapiens der Hauptverursacher dieser Veränderung ist, ebenso. Selten ist diese Veränderung so greifbar, so gut sichtbar wie an gewaltigen Eismassen, die sich mit einem bisher ungesehenen Tempo zurückziehen. Zwei Drittel seines Volumens hat der Hintereisferner seit 1850 eingebüßt, „ seit rund 30 Jahren ist die Gletscherschmelze in den Alpen zu hundert Prozent menschengemacht. Die Gletscher sind zu Ikonen des Klimawandels geworden“, meint Prinz. „Gut, neben den Eisbären. Wenn wir so weitermachen wie bisher prophezeien uns alle Messungen und Modelle, dass wir in 100 Jahren weitgehend eisfreie Alpen haben werden.  Aber die Pyrenäen sind doch auch ohne Gletscher wunderschön, oder nicht?“, kommentiert er die Entwicklung durch seine nüchtern-wissenschaftliche Brille. Und wird nach einem Schluck Merlot aber doch emotional: „Je mehr wir über Gletscher wissen, desto mehr werden wir uns mit ihnen verbunden fühlen. Schafft es die Menschheit, den Temperaturanstieg auf unter 2°C zu begrenzen, können wir ein Drittel des heutigen Eisvolumens der Alpen retten. Schaffen wir das nicht, gibt es keinen Weg, sie wieder zurückzuholen.“ Denn neben der Biodiversität und den Wasserspeichern schmilzt mit den Gletschern vor allem eines: ein einzigartig-ästhetisches Naturwunder, das uns Menschen und unseren Lebensraum seit Jahrtausenden prägt.


2. DER BETREIBER

Das Eis als Touristenattraktion

Eigentlich war alles nur ein einziger, großer Zufall. Ein kleiner Spalt – nicht mal zwei Meter breit – genügte, um Roman Erlers Aufmerksamkeit zu fesseln. „Ich war gerade mit einer Gruppe am Rückweg vom Olperer, da is ma der Schlitz neben der Piste Nummer 5 aufgefallen. Am nächsten Tag bin ich dann gleich no amal rauf.“ Eine neue  Öffnung im Eis wäre sonst eigentlich nichts Ungewöhnliches auf einem Gletscher, Spalten gibt es am Hintertuxer Gletscher im Tiroler Zillertal zu Hauf. Überall, nur eben nicht auf der Piste Nummer 5. Bis jetzt.

Roman Erler, großgewachsen, weißer Bart, strenger Blick, ist ein von Grund auf neugieriger Mensch. Im Sommer zieht es ihn in abgelegene Täler, die sonst keiner durchwandert, er sucht nach Bärenknochen und seltenen Mineralien. Im Winter begleitet er als Bergführer Gäste auf den Olperer, den höchsten Berg der Tuxer Alpen in Tirol, organisiert Spaltenrettungen mit der Bergrettung. Über 200 Tage im Jahr verbringt er jenseits der 3.000-Meter-Grenze, und genau darum fiel ihm dieser kleine Spalt auf. Zwei Eisschrauben waren schnell platziert, der Klettergurt übergestreift, und Roman Erler seilte sich kurzerhand hinunter in das kalte, schwarze Loch. Was ihm damals, vor über 10 Jahren, im Lichtkegel der Stirnlampe entgegenglitzerte, das lässt ihn bis heute nicht mehr los.

Riesige Stalagmiten, Perleis an der Decke, Wabeneis an den Wänden – Roman Erler war eingetaucht in eine Welt, die er heute Natureispalast nennt. „Erst amal hab i schlucken müssen. Normal sind Gletscherhohlräume sehr kurzlebig, die sind heute mal offen und morgen schon wieder zu. Aber das war eine richtige Höhle, keine ordinäre Gletscherspalte“, erinnert sich Erler. Tatsächlich hat sich am Hintertuxer Gletscher auf 3.200 Metern Seehöhe eine Gletscherhöhle gebildet. Das Eis ist hier am Fels festgefroren und bleibt durch geografische Besonderheiten von dem fließenden Teil des Gletschers getrennt, „seit 10 Jahren hat sich das keinen Zentimeter bewegt.“ Durch diesen Umstand hatte das Wasser genügend Zeit und Muße, sich in bizarrste Eisskulpturen zu verwandeln und sein geheimes Innenleben preiszugeben. „Wir sind hier tief im Gletscher, 35 Meter über uns ziehen die Skifahrer ihre Kurven. Aber was unter der Piste liegt, das ahnt da oben keiner“, sagt Erler.

Wer eintritt in diese Welt, muss kein Glaziologe sein, um sich für das Eis zu faszinieren. Es ist einer der wenigen Orte, an denen man einen Gletscher von innen bestaunen kann, ganz ohne Bergführerausbildung – Roman Erler betreibt den Natureispalast als kommerzielle Sehenswürdigkeit. Wichtiger als der Nettoerlös ist ihm aber eines: „Die Leute müssen mit eigenen Augen sehen, wie faszinierend diese Welt aus Eis ist. Nur wer deren Schönheit gesehen hat, wird sich auch Gedanken darüber machen, wie wir sie erhalten können.“

3. DIE HÜTTENWIRTIN

Das Eis als Nachbar

Susanne Gleirschers Nachbar zieht jedes Jahr ein Stück weiter weg von ihr. Was nicht unbedingt an Susannes Art liegt, die wäre als offenherzig und ehrlich einzustufen, sondern daran, dass ihr Nachbar aus Eis gebaut ist. Der Sulzenauferner gehört zu den größten Gletschern in Tirol und ist beinahe vom ganzen Stubaital aus sichtbar, er verleiht der Landschaft ihre alpine Prägung. Susanne bewirtschaftet seit sechs Jahren das gleichnamige Alpenvereins-Schutzhaus zu seinen Füßen, die idyllisch gelegene Sulzenauhütte auf 2.191 Metern Meereshöhe.

„Vom Küchenfenster siehst genau auffi aufn Ferner, und wenn mal nit viel los is, schaut ma scho viel rauf. Und macht sich so seine Gedanken“, sagt Gleirscher. Sie ist schon lange genug hier oben, um eine Veränderung zu bemerken: Seit ihrem sechsten Lebensjahr verbringt sie jeden Sommer am Berg, schon ihre Eltern haben die Hütte bewirtschaftet, ihr Ur-Ur-Großvater ist der Grundeigentümer. „Meine Oma erinnert sich daran, dass die Gletscherzunge früher sogar bis unterhalb der Hütte gereicht hat. Heute sind es eineinhalb Stunden Fußmarsch bis zum Eis“, berichtet Gleirscher. Damit veränderte sich auch das Klientel der Hüttengäste. Früher kamen primär Hochtourengeher mit Gletscherausrüstung, auch Ausbildungskurse wurden regelmäßig hier veranstaltet. Heute sind es vorwiegend Wanderer in leichten Trekkingschuhen, die am Stubaier Höhenweg unterwegs sind. „Wir mussten sogar den Normalweg auf das Zuckerhütl sperren, unser prominentester Gipfel hier. Zu wenig Eis, zu viel Steinschlag. Gäste, die vor zehn oder 20 Jahren schon mal hier waren, können das oft gar nicht glauben, die sind regelrecht geschockt“, erklärt die Hüttenwirtin.

Die Alpengletscher hatten um 1850 ihre letzten Höchststände, seitdem sind sie am Rückzug, doch in den letzten Jahren wurde das Tempo immer rasanter. Im Falle des Sulzenauferners ist die Veränderung besonders anschaulich: Dort, wo früher das „ewige Eis“ das Tal bedeckte, ist nun ein See entstanden, gespeist vom Schmelzwasser des Gletschers. Und es ist just diese veränderte Landschaft, die der Hüttenwirtin Kopfzerbrechen bereitet.

Vor zwei Jahren prasselte im Sommer besonders viel Regen auf den Ferner, wahrscheinlich lösten sich dadurch größere Eisbrocken – der See entlud sich eines Augustabends mit ganzer Gewalt, eine Flutwelle mit Tonnen von Steinen bahnte sich ihren Weg Richtung Hütte, „es hat g’rumpelt, dass das Haus g‘wackelt hat“, erinnert sich die Hüttenwirtin. Nur durch Glück blieb die Hütte verschont, das E-Werk und die Versorgungsleitungen allerdings nicht. Zehn Tage musste die Sulzenauhütte geschlossen bleiben, die Reparaturen dauerten bis in den Herbst. Mittlerweile ist der See wieder gut gefüllt, an Regentagen schleicht sich auf der Hütte ein mulmiges Gefühl ein. „Wir müssen uns mit den Umständen arrangieren“, meint Gleirscher pragmatisch.

Sulzenauhütte & -Ferner im Stubaital, Tirol.

Von der sonnigen Terrasse aus, auf der unsere Gastgeberin ihre Geschichte erzählt, hört man an diesem Sommertag die Vögel trällern. „Während meiner Kindheit war hier Stille. Unten im Tal, freute ich mich immer am meisten auf das Gezwitscher“, erinnert sich Gleirscher. Durch die Klimaerwärmung sind auch die Singvögel zu neuen Hüttengästen geworden.


4. DER BERGFÜHRER

Das Eis als Existenzgrundlage

„Der Mann, der mit den Murmeltieren spricht!“, hört man die ironische Selbstbeschreibung Horst Fankhausers herüberschallen, als er mit der Sicherheit eines Seiltänzers über die klobigen Steine des Geröllfeldes balanciert. Dann ertönt kurz darauf aber doch ein schriller Pfeifton, das Warnsignal der dicken Alpinnager, und die braunen, massigen Fellknäuel wuseln zu ihren Bauten. Obwohl sie ihn eigentlich gut kennen müssten, den Horst: Er ist seit etlichen Jahrzehnten hier oben unterwegs, sommers wie winters, und das trotz seiner 75 Jahre keinen Schritt langsamer.

Horst Fankhauser führt uns heute zu einem seiner Lieblingsplätze, dorthin, „wo man den Gletscher richtiggehend spürt, ohne dabei am Eis zu stehen.“ Mit dabei hat er eine historische Postkarte, die den Stand des Alpeiner Ferners vor 90 Jahren abbildet und damals vom gleichen Standort aufgenommen wurde. Etwas wehmütig blicken Fankhausers wache Augen unter den buschigen Brauen schon in die Kamera, als wir das Vergleichsfoto aufnehmen, wobei er dann mit einem Lächeln meint: „Eigentlich müsst i jetzt traurig schauen, aber des kann i gar nit.“

Horst Fankhauser ist eine wandelnde Bergsteigerlegende, er war über 30 Jahre Hüttenwirt auf der nahen Franz-Senn-Hütte in den Stubaier Alpen, Bergführer-Ausbildner und stieg quasi nebenbei auf zwei Achttausender. Kurz, es gibt wohl keinen, der mit den Gipfeln, Gletschern und Murmeltieren hier oben mehr verbunden ist, die Veränderungen der Landschaft emotionaler miterlebt hat. „Für mich ändert sich ein Weltbild“, meint Fankhauser, „seit gut zehn Jahren galoppiert das Tempo, da kannst direkt zuschauen, wie die Gletscher schmelzen.“ Für Bergführer wie ihn wandelt sich auch der Arbeitsplatz gravierend. Durch den Gletscherschwund und das zunehmende Auftauen des Permafrostes werden viele Wege akut steinschlaggefährdet oder gleich gänzlich unpassierbar, „auf die Wildgratscharte mussten wir vor acht Jahren sogar einen Klettersteig bauen“, erklärt Fankhauser, und fügt hinzu: „Und mittlerweile schon drei Mal nach unten verlängern.“ Viele der ehemals klassischen Nordwand-Eistouren in der Gegend sind mittlerweile unbegehbar.

Alpeiner Ferner, damals und heute.

Mit Blick auf den zurückgezogenen Alpeiner Ferner meint Fankhauser: „Irgendein schlauer Mann hat einmal gesagt: ‚Alles hat seine Zeit‘. Das trifft wohl auch auf die Gletscher zu. Wenn uns Gäste auf der Hütte fragen, wie wir dem Klimawandel begegnen, dann sag‘ i immer: Wir pflanzen jetzt Palmen an und machen einen Golfplatz auf.“

5. DER HÖHLENFOTOGRAF

Das Eis als Gesamtkunstwerk

Blau. Es sind vor allem die facettenreichen Schattierungen dieser Farbe, die es Robbie Shone angetan haben. „Vom fast durchsichtigen Hellblau über ein sattes Türkis bis hin zum Stahlblau, im Eis findest du alle Tönungen. Für mich ist das die schönste Farbe, die ich kenne“, meint Shone. Er gehört zu einer Handvoll Leuten weltweit, die die Berufsbezeichnung „Höhlenfotograf“ auf ihre Visitenkarte gedruckt haben. Und die muss man sich erstmal hart erarbeite – über 15 Jahre lang robbte Robbie durch die meist schlammigen Höhlen seiner Heimat England, die Kamera immer im Anschlag. Und wer die Insel kennt, wird verstehen, dass der primäre Farbton hier eine Mischung aus matschbraun und steingrau ist. Umso faszinierter war Robbie, als er mit seinem Umzug nach Innsbruck vor fünf Jahren das Blau der Gletscher für sich entdeckte.

Robbie Shone, Höhlenfotograf.

Wie schnell sich das Eis zurückziehen kann, hat der Fotograf zum ersten Mal am Gorner- und Aletschgletscher bei Zermatt in der Schweiz mit eigenen Augen gesehen. An vier aufeinanderfolgenden Jahren nahm Shone an Expeditionen teil, um die tiefen Gletschermühlen zu fotografieren. Jedes Jahr waren die Veränderungen noch deutlicher sichtbar, das Eis zum Teil hunderte Meter weit zurückgezogen. „Ich konnte einfach nicht glauben, dass es so schnell gehen kann. Und dass der Mensch der größte Treiber dieser Beschleunigung ist.“

Alle Fotos dieser Geschichte stammen von Robbie Shone selbst. Viele Male sind wir dafür über ein ganzes Jahr in Richtung „Ewiges Eis“ ausgerückt, und der Autor darf berichten: Shone kann sich eine geschlagene Stunde mit einem einzigen Eiszapfen beschäftigen. Dutzende Male den Winkel verändern, die Blitze versetzen, das Objektiv wechseln. Bis der Eiszapfen in seiner ganzen Erhabenheit eingefangen ist. Und es ist exakt diese Faszination für die Schönheit des Eises, die ihn antreibt: „Die Gletscher sind die letzten sichtbaren Zeichen einer vergangenen Welt, der Eiszeit. Den Gedanken, dass unsere Enkelkinder diese Formen und Farben möglicherweise gar nie zu Gesicht bekommen werden, kann ich nicht ertragen. Wir müssen die Schönheit bewahren“, sagt Shone. Sein Mittel zum Zweck ist die Kamera.


Gletscher: Facts

  • Ein Gletscher ist eine aus Schnee hervorgegangene Eismasse mit einem klar definierten Einzugsgebiet, die sich aufgrund von spezifischen Faktoren eigenständig bewegt.
  • Gletscher speichern 70% des Süßwassers der Welt und sind nach den Ozeanen die größten Wasserspeicher der Erde.
  • Gletscher sind bedeutende Wasserzulieferer für viele Flusssysteme und prägen ganze Ökosysteme.
  • Gletscher haben durch ihre Albedo einen entscheidenden Einfluss auf das Weltklima, ihre weiße Oberfläche reflektiert bis zu 90% der Sonnenstrahlung.
  • Als bedeutende Landschaftsformer ragten die Alpengletscher in Kaltzeiten bis ins Alpenvorland und prägen die Landschaft bis heute.
  • Gletscher sind Indikatoren für Klimaänderungen. Nahezu weltweit ist seit Beginn der Industrialisierung ein deutlicher Rückgang der Gletscher zu beobachten.
Lebendes System Gletscher (Illustration: Manuel Bortoletti / Terra Mater)

Gletscher: Figures

  • 70% des Süßwassers
    der Welt und sind in Gletschern (inkl. Polregionen & Grönland) gespeichert. Sie sind nach den Ozeanen die größten Wasserspeicher der Erde.
  • 1/3 des Anstiegs der Meeresspiegel ist auf die weltweite Gletscherschmelze zurückzuführen.
  • 10 m Neuschnee
    braucht es, um 1,10 m Gletschereis zu erzeugen.
  • 0,1 g/cm3 Dichte
    besitzt frisch gefallener Schnee, Gletschereis komprimiert ihn zu einer Dichte von 0,9 g/cm3
  • 730.000 km3
    bedecken die rund 200.000 Gletscher auf unserem Planeten. Die weltweite Gletscherfläche ist damit etwa so groß wie Deutschland, Dänemark und Polen zusammen.
  • 7.000 Meter pro Jahr
    fließt der Jakobshavn Isbræ auf Grönland und ist damit der dauerhaft am schnellsten fließende Eisstrom der Welt.
  • 46,8 m pro Tag
    bewegte sich der Jakobshavn Isbræ 2012, die größte je gemessene Fließgeschwindigkeit des Gletschers. Der Hintereisferner bewegt sich mittlerweile rund 20 Meter. Pro Jahr.

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