Verflucht schöne Berge: Skitouren im Kosovo
Zu viele Skitourengeher unterwegs? Sicher nicht in Kosovo. An der Grenze zu Albanien und Montenegro gibt es ein wildes Gebirge, das auf Entdecker wartet.
Reise-Story für Süddeutsche Zeitung inkl. Online-Feature, PDF:
Zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftig ist es schon, am Weg zum Ausgangspunkt einer Skitour einen Militärcheckpoint zu passieren. Dicke, gepanzerte Autos stehen da, eine Handvoll Rekruten, auf der Brust das Logo der UN-Sicherheitstruppe KFOR. Der grasgrüne Defender mit sechs Paar Tourenski auf dem Dach scheint jedenfalls wenig akute Gefahr auszustrahlen. Die Uniformierten winken, wir winken zurück, weiter geht‘s. Weiter in die Berge des Kosovo. In die Verfluchten Berge.
Die Albanischen Alpen im Dreiländereck zwischen Kosovo, Montenegro und Albanien, die nennt man tatsächlich so. „Accursed Mountains“, mal frei übersetzt mit „verflucht“, mal mit „verwunschen“, das kann man sich je nach Gemütslage aussuchen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war dieses Territorium eine unzugängliche No-Go-Area, bekannt für Banditen und den Jugoslawienkrieg. Der Legende nach soll der Name auf die geologische Schroffheit der Gipfel zurückzuführen sein, die es den Hirten und Schmugglern schwer machte, sie zu überqueren. Heute hat das durchaus etwas Ästhetisches: Im Sommer gibt es seit 2013 einen etablierten Wandertourismus rund um den 192 Kilometer langen Weitwanderweg „Peaks of the Balkans“, der als grenzüberschreitendes Friedensprojekt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) entwickelt wurde. Was zur Folge hat, dass sich alte Hirtenhütten zu einfachen Gästehäusern wandeln, lokale Wanderführer ausgebildet werden, improvisierte Bierbuden am Wegesrand auftauchen. Aber im Winter ist hier – nichts. Zumindest bis jetzt, denn es fehlt ganz einfach an Infrastruktur, um diese Verfluchten Berge bei Minusgraden zugänglich zu machen.

Die Einsamkeit einatmen
Deshalb schaukelt es uns auch gehörig hin und her, während sich der Defender mühsam die Forststraße hochkämpft, mal an einer eisigen Stelle hängen bleibt, alle bitte aussteigen und anschieben. Normal liegt hier der Schnee bis weit ins Frühjahr hinein, aber normal ist der Winter gerade nicht, es war der wärmste Februar der Messgeschichte. Das hinterlässt natürlich auch so weit südlich, in den Albanischen Alpen, seine Spuren, und so muss sich der arme Defender auf dem unbefestigten Waldweg weiter bis zur Schneegrenze vorkämpfen.
Doch bald können wir das tun, wofür wir den weiten Weg auf uns genommen haben: unsere vollgepackten Rucksäcke schultern und die Tourenski anschnallen. Schon nach wenigen Metern tauchen wir ein in eine andere Welt, eine traumhaft verschneite Landschaft mit kleinen Almhütten, kupiertes Gelände mit einem lichten Kiefernbestand, schroffe Felswände im Hintergrund. Kurzum, ideales Skigelände, wie man es auch aus den Zentralalpen kennt. Nur eines findet man hier nicht: andere Menschen.







Das muss man erstmal mental verarbeiten, ist das Skitourengehen daheim doch längst zum Breitensport geworden, gar zum Massenphänomen. Nach Schätzungen der Alpenvereine gibt es in Deutschland rund 600.000, in Österreich sogar rund 700.000 Tourengeherinnen und Tourengeher. „Hier im Kosovo haben wir so 30 bis 40 aktive Tourengeher“, sagt Alb Berisha, der Tourguide. „Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass du auf Skitour anderen Menschen begegnest. Eher noch einem Bären.“ Der 25-jährige Kosovare mit dem schulterlangen Haar und dem breiten Dauergrinser, den alle nur Albi nennen, ist einer dieser wenigen Aktiven. Er kennt hier jeden Stein, den ganzen Sommer über begleitet er Gruppen über den „Peaks of the Balkan“. Das Führen im Winter bedeutet für ihn neben aller Passion für den Sport auch ganz pragmatisch ein zusätzliches Einkommen.

Weshalb das Skitourengehen hier noch in den Anfängen steckt, ist recht einfach: Im ganzen Land gibt es keine Möglichkeit, an Skitourenausrüstung zu kommen, alles muss mühsam aus dem Ausland herangeschafft werden. Amazon et. al. versenden hierher nicht, abgesehen vom Geld und der Zeit, die man für Outdoorsport investieren muss. Die Leute sind immer noch primär damit beschäftigt, ihr Land aufzubauen: „Kosovo ist eine Identität in the making“, sagt Albi. Und überhaupt: Bis Anfang 2024 war der Kosovo selbst innerhalb Europas ein isolierter Staat. Ausreisen nur mit komplizierten, monatelangen Visaverfahren möglich, die auch schon mal willkürlich verweigert wurden. Und nun, „dürfen auch wir endlich die Welt erkunden“, schwärmt Albi von der neuen Visaliberalisierung, nach der sich gerade junge Leute wie er so lange gesehnt haben.
Doch heute ist es umgekehrt, heute erkunden wir Albis Heimat. Kosovo, das Land, dessen Nordgrenze zu Serbien auf Google Maps als gestrichelte Linie dargestellt ist. Das Land, das erst 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt hat, inzwischen von zwei Dritteln aller Staaten anerkannt wird, aber immer noch von fünf Staaten in Europa nicht. Das Land, das vor 25 Jahren einen Krieg erlebte, der 13.000 Menschen das Leben kostete und ganze Städte verwüstete, darunter auch Albis Heimatstadt Pejë. Das Land, das man in Mitteleuropa in den Nachrichten höchstens mit den Worten „Konflikt“ oder „Unruhen“ in Verbindung bringt. Durch den Kosovo verläuft, grob gesagt, die Konfliktlinie, die derzeit die halbe Welt spaltet: Russland auf der einen, die NATO auf der anderen Seite. Was aber, wie so oft, nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit ist.
Keine Grenzen, nur Natur
Ein weitaus größerer Teil der Wirklichkeit ist das, was Skitourengehern während einer Woche zu sehen bekommen: Gastfreundliche Menschen, herrlicher Pulverschnee und eine Winterlandschaft, die für Skitourenabenteuer geradezu prädestiniert ist. Verlockend an den Accursed Mountains ist auch, dass sie sich über drei Balkanländer erstrecken: Kosovo, Montenegro und Albanien. Zudem lässt sich allen drei Ländern recht unkompliziert ein Besuch abstatten: Vom Gacaferi Guesthouse im Kosovo geht es in gut zwei Stunden Aufstieg durch lichten Wald auf den Trekufini-Gipfel (2.366 m), den Dreiländergipfel. Wenn man drei Füße hätte, könnte man hier in allen Ländern gleichzeitig stehen.




Hinter uns der Kosovo, zur Linken Albanien, zur Rechten Montenegro – wohin es uns zunächst verschlägt, durch feinsten Pulverschnee geht es hinunter nach Bogićevica. Dort taucht tatsächlich ein Grenzbeamter auf einem Skidoo auf, interessiert sich aber mehr für ein Selfie mit den weiblichen Gruppenmitgliedern als für Grenzpapiere. Ab der Schneegrenze geht es mit einem ausrangierten Militärfahrzeug des österreichischen Bundesheeres weiter, einem 50 Jahre alten Pinzgauer. Beim fünften Versuch springt er sogar an und bringt uns über schlammige Straßen zur nächsten Unterkunft nach Babino Polje. Dort erwartet uns ein Grizzlybär von Mann: Enes Drešković betreibt die Eco Lodge Hrid, eine Art Miniatur-Almdorf direkt am Fluss. Die neuen, wintertauglichen Unterkünfte sind gerade fertiggestellt, wir dürfen die ersten Gäste sein. „Unser Ziel hier ist ein grenzüberschreitender Nationalpark“, sagt Enes, der ehemalige Nationalparkdirektor für den montenegrinischen Teil, am Kaminfeuer. „Denn für uns gibt es keine Grenzen, nur die Natur.“ Die Touren hier überschreiten Grenzen und verbinden, was einst verfeindet war.
Babino Polje ist einer dieser rar gewordenen Orte, an denen es kein Handynetz, kein Internet gibt. Nur sich selbst, den Fluss und die Tourenski – und das unglaublich üppige Essen, das Enes am langen Tisch in der gemütlich geheizten Stube serviert. Frisch gerollter Burek, Kacamak, wie immer viel zu viele Cevapi. So geht es gut genährt am nächsten Tag weiter nach Albanien, in die Hochalm-Siedlung Dobërdol, die ein wenig nach schottischem Hochland anmutet. Wie in einem riesigen Kessel sind die schneebedeckten Hüttchen hier von weißen Bergflanken umgeben – allesamt unverspurt. Wir sind die einzigen Menschen in diesem abgelegenen Hochtal, das Guesthouse Leonardi sperrt eigens für uns auf. Zwar frieren die Wasserleitungen samt Toilettenspülung nach Sonnenuntergang in der klirrenden Kälte schnell zu, gespült wird fortan einfach mit dem Schnee, der im Eimer über dem glühenden Holzofen schmilzt. Feinste Balkan-Atmosphäre.










Solche Beispiele zeigen auch: Der Tourismus ist eine dringend benötigte Einnahmequelle für diese schöne, aber arme Region mit der im Durchschnitt jüngsten Bevölkerung Europas, in der jeder Vierte arbeitslos ist. Das Skitourengehen in dieser entlegenen Gegend birgt für die Menschen vor Ort ist es eine Perspektive, in ihrem noch so jungen Land zu bleiben, sich etwas aufzubauen. So wie für Albi, der ein ordentliches Trinkgeld als Abschiedsgeschenk bekommen wird, damit er sich eine neue Tourenbindung leisten kann.
Die tote rote Katze
Nur gibt es ökonomische Entwicklung selten ohne negative Begleiterscheinungen, auch hier nicht. Fährt man vom Flughafen Pristinë ins nur 85 Kilometer entfernte Peja am Fuße der Verfluchten Berge, zählt man nicht weniger als 65 Tankstellen. Viele davon augenscheinlich wenig funktionstüchtig, aber immer noch da. Es ist das, was Albi das „gas station syndrome“ nennt, das Tankstellensyndrom. „Nach dem Krieg eröffneten ein paar Tankstellen entlang der Strecke, und das schien für viele ein leicht verdientes Geld zu sein. Also machten es ihnen viele einfach nach, bauten eine Tankstelle neben die Straße, und voilà“, sagt er, 65 Tankstellen. Das gas station syndrome wurde zum Synonym für billige – und nicht selten übereilte – Nachahmungen, sogenannte Copycat-Businesses. Auch die wilde Berglandschaft der Albanischen Alpen bleibt davon nicht verschont.








An einem Symbol dafür stapfen wir mit unseren Tourenskiern vorbei, eine rote Pistenraupe steht einsam eingeschneit im Gelände. „Freeride Albania“ steht auf dem Führerhaus, „ist vor ein paar Wochen kaputt gegangen“, erklärt Albi. Das so genannte Catskiing – eine Gruppe von Skifahrern wird von einer Pistenraupe auf den Berg gebracht, um dann wieder abzufahren – ist in Ländern wie Georgien als Ersatz für die fehlende Liftinfrastruktur sehr populär. Nun versuchen einige Anbieter ihr Glück auch auf dem Balkan. Einsames Tourengehen oder motorisiertes Freeriden? Die Region wird sich entscheiden müssen, wie sie ihren Tourismus für die Zukunft ausrichtet.
Für den Moment herrscht jedenfalls Freude darüber, dass die rote Katze gerade stillsteht und keine anderen Skifahrer zu sehen sind. Ein letztes Tourenziel geht sich noch aus, bevor wir unsere Runde vollenden und in den Kosovo zurückmarschieren, der Maja Kershit Kocajve (2.397 m). Über seinen schönen Grat balancieren wir zum Gipfel, jauchzen entfesselt – und ziehen genüsslich unsere Spuren hinab in die weiße Einsamkeit dieser Verfluchten Berge. Dieser verflucht schönen Berge.

Infos: Skitouren im Kosovo
Das lokale Reiseunternehmen Balkan Natural Adventure aus Pejë bietet geführte Skitourenreisen oder hilft mit der Organisation von Unterkünften und Visa für individuelle Trips in der Region. Für die Skitourenrunde durch die drei Länder der Accursed Mountains sollte man insgesamt 8 Tage einplanen.
Mehr Infos auf www.bnadventure.com
