Skitouren im Valle Maira. Foto: Simon Schöpf

Im Tal des Nichts: Einsame Skitouren im Valle Maira, Piemont

Das Valle Maira im Piemont ist eines der letzten wirklich abgeschiedenen Skitourengebiete in den Alpen. Keine Lifte, keine Hotels – dafür ganz viel Einsamkeit und eine grandiose Bergkulisse, wie gemacht für das Skitourengehen.


Mit der Einsamkeit ist das so eine Sache. Manchmal sucht man sie, manchmal lässt sie einen verzweifeln. Beim Skitourengehen zum Beispiel sucht man die Einsamkeit. Man sehnt sich nach der Stille, der menschenleeren Landschaft, dem unverspurten Hang. Im Alltag hingegen kann sie bedrückend sein, die Einsamkeit, sind wir doch als Spezies sozial geeicht. Im Valle Maira findet man jedenfalls beide Arten der Einsamkeit, die gute in den Bergen und die herausfordernde in den Dörfern. Aber dazu später mehr.

Foto: Simon Schöpf

Zuerst wollen wir ein stilles Loblied auf das Valle Maira singen. Denn wir sind mit Skitourenausrüstung unterwegs und ganz allein in der riesigen Bergwelt der Cottischen Alpen. Schließlich sind wir den weiten Weg hierher gekommen wegen der Einsamkeit, die es in dieser Form in den übererschlossenen Zentralalpen nicht mehr gibt. Wir sind hierhergekommen wegen anderer Dinge, die es hier eben nicht gibt: Skilifte. Hotelkomplexe. Après-Ski-Bars. All das fehlt im Valle Maira, aber es fehlt nicht schmerzlich, es fehlt wohltuend. Was man stattdessen findet, sind wilde Gipfel, weite Hochplateaus und sanfte Kare, kurz: ein Terrain wie geschaffen für Skitouren.

Das Valle Maira liegt im westlichen Piemont in der Provinz Cuneo und erstreckt sich bis zur französischen Grenze, eingebettet zwischen den Cottischen Alpen und den Seealpen. Viele Gipfel sind hier über 3.000 Meter hoch, aber was das Tal so besonders macht, ist seine ursprüngliche Atmosphäre – und seine einzigartige Identität. Im Tal ist sie noch vereinzelt zu hören: das Okzitanische, eine jahrhundertealte romanische Sprache, die einst in weiten Teilen Südfrankreichs, Nordwestitaliens und Kataloniens verbreitet war. Dank kultureller Initiativen und des Stolzes der lokalen Bevölkerung erlebt sie derzeit eine Art Renaissance, auch in Ortsnamen, Liedern und Traditionen findet sich das okzitanische Erbe wieder.

Einsamkeit und Landflucht

Man kann es auch so sagen: „Für mich ist die Kombination aus grandiosem Panorama und der ehrlichen Gastfreundschaft der Menschen hier absolut einzigartig“, sagt Simone Greci. Wir sind mit Simone aus dem nahen Cuneo unterwegs, er wird uns in den nächsten Tagen durch seine Heimat führen. Seit vier Jahren führt er als leidenschaftlicher Bergführer Skitourengeher durch die Berge vor seiner Haustür, dafür hat er sogar seinen Job bei Microsoft an den Nagel gehängt. „Im Valle Maira gibt es nicht den einen berühmten Berg, der mit seiner Strahlkraft die Massen anzieht“, weiß Simone. Auch eine Passstraße nach Frankreich fehlt, das lange Tal ist eine Sackgasse. Beides ist gewissermaßen ein Glücksfall für den Skitourengeher, denn so hat man die Gipfel hier meist ganz für sich allein. Der ultimative Glücksfall wäre dann noch ein sattes Genuatief, das von Südosten heranzieht, denn dann lädt sich auch hier mächtig viel Schnee ab. „Fuma c’anduma“, sagt Simone, piemontesisch für „Auf geht’s“.

Bergführer Simone Greci bei der Arbeit. Foto: Simon Schöpf

Auf dem Weg zum Ausgangspunkt der Skitour passieren wir verlassene Dörfer mit charakteristischen Steinhäusern und engen Gassen, aus denen seit Jahren kein Rauch mehr aufsteigt. Das kann man romantisch finden, oder man sieht es nüchtern wie Marco Andreis, der hier oben in einem kleinen Seitental wohnt und eine klimafreundliche Herberge eröffnet hat: „Als mein Großvater in Marmora aufwuchs, lebten hier rund tausend Menschen. Heute sind wir 39.“ Ein Bevölkerungsrückgang um 95 Prozent. Fakt ist: Das Valle Maira ist eine der am stärksten von Landflucht und Abwanderung betroffenen Regionen im Alpenraum und hat seit 1871 rund vier Fünftel seiner Bevölkerung verloren. „Zu viel allein sein ist auch nicht gut“, sagt Marco und weiß, wovon er spricht, denn er hat hier auch seine beiden Kinder großgezogen. Und seit 15 Jahren hat es im Dorf keinen Nachwuchs mehr gegeben, obwohl er es sich so sehr gewünscht hätte. Das ist die Kehrseite der Einsamkeit.

Stolz auf das Tal

Was wäre die Lösung? „Ich weiß es nicht“, gibt Marco offen zu, „aber wir sind alle stolz auf unser Tal und darauf, dass es so ursprünglich und wild geblieben ist. Wir wollen keine Skilifte, keine großen Hotels. Wir wollen genau die Art von Besuchern, die das zu schätzen wissen. Im Sommer funktioniert das bereits gut, es gibt den beliebten Fernwanderweg „Percorsi Occitani “, der die Dörfer des Tals auf reizvolle Weise verbindet. Doch für eine nachhaltige ländliche Entwicklung des Tals braucht es mehr als Menschen, die im Tourismus arbeiten, es braucht ein gesundes Umfeld. Es braucht Kindergärten und Schulen, Vereine, es braucht Kunst und Handwerk.

Das Bivacco Danilo Sartore. Foto: Simon Schöpf

Das Valle Maira besticht durch seine Ursprünglichkeit, Authentizität und Vielfalt. Es ist wohl eines der letzten wirklich abgelegenen Skitourengebiete der Alpen. Es ist die gute Art von Einsamkeit, und mit etwas Glück und kluger Zukunftsplanung hilft der sanfte Skitourentourismus, das Tal auch im Winter zu beleben. Kein Massentourismus, sondern regionales, nachhaltiges Wirtschaften mit den Menschen, die das Valle Maira ihre Heimat nennen. Damit aus der Einsamkeit etwas Gutes für alle wird. Und die berühmte piemontesische Küche, die nach einem langen Tag im Schnee sowieso doppelt so gut schmeckt.


Factbox: Skitouren im Valle Maira, Piemont

  • Kein Massentourismus – Das Tal ist eines der letzten wirklich abgeschiedenen Skitourengebiete in den Alpen.
  • Vielseitiges Terrain – Von sanften Genussabfahrten bis zu steilen Rinnen für Skialpinisten ist hier alles dabei.
  • Tolle Unterkünfte – Charmante Berghütten und familiäre Rifugi bieten exzellente piemontesische Küche. Nichts im Tal wurde neu gebaut, alle Unterkünfte sind renovierte Bestandsbauten.

TOURENTIPPS

7 Tourentipps mit Infos & GPX Tracks gibt’s in meinem Artikel auf bergwelten.com: „7 einsame Skitouren im Valle Maira

  1. Auf den Costa Chiggia (2.156 m)
    Eine einfache Skitour, die perfekt für Anfängerinnen und Anfänger geeignet ist: Oberhalb der Souttan-Brücke steigt man erst durch einen Lärchenwald und später über sanfte Bergrücken auf den 2.156 m hohen Costa Chiggia.
  2. Auf den Monte Giobert (2.439 m)
    Ein Klassiker im Valle Maira: Die sanften, meist sehr sicheren Hänge des Monte Giobert (2.439 m) ziehen auch weniger erfahrene Skitourengeherinnen und Skitourengeher an.
  3. Auf den Cugn di Goria (2.358 m)
    Die Tour auf den Cugn di Goria (2.385 m) führt durch die Elva-Talsenke im Valle Maira im Piemont und eignet sich aufgrund ihrer Einfachheit besonders gut für den Auftakt der Skitourensaison.
  4. Auf den Monte Cervet (2.981 m)
    Der Monte Cervet (2.981 m) liegt zwischen den Tälern Cervet, Greguri und Fissela. Der Aufstieg durch das Greguri-Tal mit den senkrechten Ostwänden der Castello-Provenzale-Gruppe ist beeindruckend. Die Abfahrt führt durch das sonnige Cervet-Tal und bietet je nach Bedingungen grandiosen Pulverschnee oder Frühlingsfirn.
  5. Auf den Monte Estelletta (2.316 m)
    Der Monte Estelletta (2.316 m) erhebt sich aus einem malerischen Lärchenwald mit sanften Hängen. Er gilt auch nach Schneefällen als relativ sicher und lädt zu lohnenden Tiefschneeabfahrten ein.
  6. La Repiatetta
    Dolomitenflair im Piemont: Bei der Skitour umrundet man den markanten Cobre mit seinen schroffen Steilwänden und der markanten Nordrinne.
  7. Zum Colle del Sautron
    Die Skitour führt in rund vier Stunden zum Sautronpass an der französischen Grenze. Von dort geht es auf der Aufstiegsspur wieder ins Tal.

ESSEN & SCHLAFEN

Für Bergsteiger

Das Rifugio Lou Lindal im kleinen Dörfchen Pian Preit ist eine herzliche Unterkunft, gemacht für Bergsteiger:innen. Die quirligen Italienerinnen Grazia und Katarina bewirten das Rifugio ganz hervorragend und mit viel Liebe zum Detail.

Borgata Preit, www.rifugioloulindal.com

Grazia im Lou Lindal. Foto: Simon Schöpf

Das nachhaltige Haus

Das Lou Pitavin von Marco ist das erste zertifizierte ClimaHotel im Nordwesten Italiens. Ein „ClimaHotel“ zeichnet sich durch einen intelligenten Umgang mit Energie, Ressourcen und Materialien aus. Ein nachhaltiger Urlaub, der die lokale Kultur respektiert.

Borgata Finello, Marmora, www.loupitavin.net

Ein kleines bisschen Luxus

Das Relais Alpino Brieis ist ein alten verlassene Siedlung aus Steinhäusern, die Gian-Luca in ein kleines Paradies verwandelt hat. Ganz alt trifft auf stilvoll modern, es gibt sogar einen kleinen Spa-Bereich für geschundene Skitourenfüße.

Borgata Brieis, Marmora, www.brieis.it

INFORMIEREN

Gut geführt

Die guida alpina von www.globalmountain.it, zu denen auch Simone Greci gehört, kennen das Valle Maira wie ihre Westentasche und sind eine perfekte Wahl für Skitouren in der Region. Bergführer Renato Botte ist ein Experte des Mairatals und betreibt zusammen mit seiner Frau die Locanda Mistral.

ANFAHRT

Das Maira-Tal befindet sich im Südwesten des Piemont, etwa 20 km nordwestlich von Cuneo. Es ist sowohl mit dem Auto als auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Von Mailand, Turin und Ligurien über die Autobahnen, von Frankreich über den Lombardeipass und den Magdalenenpass. Ausfahrt Cuneo auf der Autobahn. Es gibt lokale Busverbindungen ins Maira-Tal:

Der nächstgelegene Bahnhof ist in Cuneo. Hauptverbindungsstrecken:

  • Genua – Savona – Fossano – Cuneo
  • Turin – Cuneo
  • Mailand – Turin – Cuneo

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