Lucky Loser indeed

Zitate merke ich mir generell schlecht bis gar nicht, aber dieses eine, es stand auf der ersten Seite des durchaus lesenswerten „Between a rock and a hard place“ von Aron Ralstone, ist seit Jahren in meinem Kopf:

„Geological time includes now.“

In den letzten Tagen musste ich besonders oft daran denken, manifestierte sich dieses „now“ doch in einem babyelefantgroßen Felsblock, der im freien Fall auf mich zielte, während ich an einem Stand mitten in einer Wand hing und sicherte. Der Felsblock hat gut gezielt, ich bin mir ziemlich sicher, dass er einen Volltreffer auf meinen Kopf gemacht hätte. Hätte, wäre ich nicht in letzter Sekunde zur Felswand gesprungen. Hätte, hätte ich nicht genau in dem Moment nach oben geschaut. Hätte, hätte ich mein Balisto eine Minute später verdrückt. Hätte, hätte, hätte.

Es ist das viel zitierte Restrisiko, das in dem Fall recht schmerzhaft auf meinem linken Fuß landete. Glück im Unglück. Das Restrisiko hätte mir auch gut den Rest geben können. Warum Restrisiko? Weil die absolute (und von unserer Gesellschaft vermehrt geforderte) Sicherheit eine Illusion ist. Beim Autofahren, beim Stiegensteigen, beim Alpinklettern. Man kann alles richtig machen und trotzdem im falschen Moment am falschen Platz sein. Die Felsen ober mir lösten sich ohne jegliche ersichtliche Fremdeinwirkung, einfach so aus der Wand, die in einem Kletterführer das Attribut „bombenfest“ verdient. Bester Wettersteinkalk, wir waren in der 4. Seillänge der Route „Lucky Loser“ (7+) am Hinterreintalschrofen. Wahrscheinlich fällt alle hundert Jahr mal so ein Block von selber runter. Meistens wohl im Frühjahr, wenn die Nächte kalt und die Tage warm sind, durch Frostsprengung. Aber im Herbst? Einfach so, wie von Geisterhand? Sehr, sehr unwahrscheinlich. Aber, eben: „Geological time includes now.“

Gegen die Felswand gepresst und ein, zwei Sekunden des Abwartens, ob und wo einen gleich ein riesiger Fels treffen wird; Es gibt schönere Augenblicke im Leben. Die folgende Ungläubligkeit, dass das jetzt gerade passiert ist, aus dem tiefblauen Himmel heraus, an einem bis vor ein paar Sekunden so perfekten Tag. Die klaffende Wunde am Fuß, die beweist, dass es tatsächlich passiert ist.

Letztes Foto vor dem Ausbruch mit ungefährer Ausbruchstelle direkt ober mir. Die Route Lucky Loser verläuft im markanten Riss links davon.

Warum so etwas veröffentlichen, aus Sensationsgeilheit, ein wenig digitales Mitleid erhaschen? Weil in der schönen tollen Selbstverherrlichungswelt immer nur das Schöne, das Phantastische präsentiert wird, das aber nur ein kleiner Teil des ganzen Bildes ist. Weil wir uns speziell in den Bergen immer bewusst sein sollten, dass es dieses Restrisiko gibt. Und wir es akzeptieren müssen. Genau wie wir ein Restrisiko akzeptieren, wenn wir in ein Auto steigen, weil irgendein besoffener Idiot kann dir auch bei blauem Himmel reinfahren.

So ist das Leben, und das ist gut so. Leben ist endlich, ein Leben kann in wenigen Wimpernschlägen wieder vorbei sein. Ob man das Schicksal, kosmischen Zufall oder einfach nur Pech nennt, das ist eine Frage der Weltanschauung. Aber eben Tatsache. Wichtig wäre, dass wir uns der Endlichkeit des Lebens – und wir sind Meister darin, die zu verdrängen – bewusst sind. Und das Leben genau dadurch wertschätzen, in seiner ganzen Einzigartigkeit.

„Geological time includes now.“

Und aus.

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