Großglockner mit Gerlinde Kaltenbrunner. Foto: Simon Schöpf

Der Großglockner & Gerlinde Kaltenbrunner / N°3

(first published on bergwelten.com)

Eine Faszination für sich, der Großglockner. Wird er langweilig, wenn man öfter raufgeht? Nein. Zum dritten Mal war ich mit Bergwelten am höchsten Berg Österreichs unterwegs, neben dem ultimativen Traumtag haben wir uns auch noch Spitzenalpinistin Gerlinde Kaltenbrunner dafür ausgesucht. Eine wohltuende Kombination.


Gerlinde, wie oft muss man auf einen Berg gehen, bis dieser langweilig wird? „Am Glockner geht des gar nit“, tut die Weltklassealpinistin die Frage mit einem Lächeln ab, und sie muss es wissen. Nachgefragt, wie oft sie denn schon am höchsten Punkt Österreichs stand, meint sie nur: „Puh, viele Male. Sollt ich vielleicht mal nachzählen.“ Die Zahl dürfte jedenfalls gut zweistellig sein. Gemeinsam mit Bergwelten ist die Antwort aber eindeutig: Drei Mal. So oft durften wir bereits motivierte LeserInnen einladen, zusammen mit Österreichs bester Höhenbergsteigerin sowie Bergwelten-Chefredakteur Klaus Haselböck den majestätischen Großglockner zu besteigen. 

Und dafür wählen wir bewusst nicht den Normalweg durch das Teischnitztal, sondern den ausgesprochen lohnenden Schwenker über die Salmhütte. Just den Weg, den auch die Erstbesteiger im Jahr 1800 auserkoren hatten. „Für mich ist das wirklich der schönste Anstieg, weil er der ruhigste ist der in seiner Ganzheit erfassen kann“, meint Gerlinde. Und wer auf den Spuren der Pioniere wandert, der sollte auch ein wenig deren Stil übernehmen: Auch wenn wir von Schöffel mit knalligen Funktionsjacken und von Deuter mit modernen Rucksäcken eingekleidet wurden, die Packpferde lassen wir uns nicht nehmen. Debora und Diana, zwei stramme Noriker, nehmen uns die Last dankenswerterweise bis zur Salmhütte ab. „Die Rasse ist ultimativ geländegängig, die Noriker sind auf der Alm, seit sie Fohlen sind. So eine kleine Wanderung strengt die nicht im Geringsten an“, sagt Pferdeflüsterer Klemens Jungmann, und legt gleich frech nach: „Will wer aufhocken? Die Pfertl’n müssen miad werden!“

Großglockner mit Gerlinde Kaltenbrunner & Bergwelten. Foto: Simon Schöpf
Vier Mand’ln am Grat.

Schlussendlich wandert aber jeder mit den eigenen Füßen, der Glockner will schließlich verdient sein. Ein makelloser Spätsommertag wartet auf uns, im morgendlichen Schatten sitzt bereits der erste Reif, die Sonne schickt noch einen letzten Gruß des Sommers. Einsame Pfade führen uns zum ersten Zwischenstopp, der Salmhütte auf 2.638 m. Wirtin Helga empfängt uns bereits aus der Ferne mit einem herzlichen „Griaß eich! Maaa so a gewaltiges Wetter habt’s dawischt!“ und serviert uns zur Stärkung ihren berühmten Suppentopf. Der wird dringend gebraucht, denn ab hier heißt’s Rucksäcke selber schultern, Debora und Diana haben Feierabend. Der Weg wird ab der Hütte rapide steiler, die Tour schwankt von Genusswanderung auf alpine Unternehmung, die Landschaft von sanften Grashügeln in steiniges Ödland. Die Hohenwartscharte ist das letzte vertikale Hindernis auf dem Weg zum höchsten Schutzhaus Österreichs, der Erzherzog-Johann-Hütte, die hier, man muss es so sagen, auf 3.454 Metern am Felsgrat thront.

VOM GLOCKNER BIS K2

Hier endet unsere erste Tagesetappe, die Zimmerlager werden bezogen. Vor dem Zubettgehen wartet aber noch Spektakel zwei auf uns, das erste ist der Sonnenuntergang, der von hier oben betrachtet, sehr nah am Bilderbuchkitsch vorbeischrammt. Die Fernsicht von der Terrasse reicht von den Julischen Alpen bis zur rot eingefärbten Marmolada, dazwischen fächert sich die Schobergruppe in gefühlt hundert feine Silhouetten auf. Das zweite wird nahtlos im Anschluss präsentiert, wir werden Zeugen des mit Sicherheit höchsten Vortrages Österreichs: Gerlinde Kaltenbrunner erzählt von ihren Expeditionen, die sie auf alle 14 Achttausender führten. „Mein schwierigster und eindrucksvollster aber war der K2“, sagt sie in der randvoll gefüllten Stube der Hütte, und was folgt ist eine Schilderung an Willensstärke und Leidensbereitschaft, die ihresgleichen sucht. „Das Wichtigste ist die Leidenschaft, die von ganz tief drinnen kommt“, schließt sie ihre Schilderung, der Raum füllt sich mit Applaus. Beim Zähneputzen bekommt der vom Vollmond angestrahlte Glockner dann plötzlich den Anmut eines K2, unser ganz persönlicher Achttausender wartet geduldig auf den nächsten Tag.

Viel Energie ist eben ansteckend: 6:00 Frühstück, 6:20 Aufbruch, mit den Bildern von eiskalten Biwaknächten jenseits der 8.000 Metermarke frisch im Kopf alles plötzlich gar nicht mehr schlimm. Der neue Tag begrüßt uns, wie der alte geendet, mit wolkenlosem Traumwetter. „Ma, i g’frei mi scho wieder so auf’n Gipfel mit euch“, motiviert Gerlinde die Teilnehmer beim Steigeisengeklimper auf der Terrasse, „des wird super!“. Am kleinen Eisfeld des Glocknerleitls begrüßen uns die ersten Sonnenstrahlen, bei der anschließenden Felskletterei wird einem schon richtig warm. Der ausgesetzte Grat des Kleinglockners ist bei diesem Wetter das perfekte Fotomotiv, die Tiefblicke zur Pasterze grandios. Und dann steht es plötzlich vor einem, das höchste Kunstwerk Österreichs, das goldene Gipfelkreuz auf 3.798 Metern. „I weiß nit, ob ich jetzt vor Freude Weinen oder Lachen soll“, bringt es Teilnehmerin Elisabeth auf den Punkt, und Gerlinde hat prompt die Antwort: „Des geht beides gleichzeitig!“ Der Gipfel des Großglockners ist ein Platz für große Emotionen, hier wird umarmt, hier ist jeder verdammt stolz, ganz oben zu stehen, den ultimativen Überblick zu haben. Selbst Gerlinde, die schon oft hier stand, wird sentimental: „So a Wetter am Gipfeltag, des macht scho a Freud‘. Des hätt‘ i ma am K2 a oft g’wünscht!“ Dann muss sie aber wieder für ein Gipfelselfie posieren, denn so einen Traumtag und dazu noch die Gerlinde am Glockner-Gipfel, die Kombination gibt’s mit großer Wahrscheinlichkeit nur einmal im Leben.

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