Pflerscher Tribulaun. Foto: Simon Schöpf

Die Leiden des jungen Wertes

Welche Werte lebt die nachkommende Generation im Bergsport? Die Diskussion über die Werte im Alpinismus ist wohl so alt wie die Sportart selbst. Doch braucht der Bergsport überhaupt Werte? Wie verändern sich diese? Eine Erkundungsreise von Messner bis Instagram.

On ethics. Beitrag für das Mitgliedermagazin des Österreichischen Alpenvereins, Bergauf (2020)


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Panta rhei, soll Heraklit vor gut zweieinhalbtausend Jahren festgestellt haben. Heutzutage hätte er seine message vielleicht kurz und bündig getwittert. Alles fließt, der Wandel als einzige Konstante, so ist das auch mit den lieben Werten. Ein Wert ist nur dann real, wenn eine Gemeinschaft daran glaubt und entsprechend danach lebt. Werte sind aber nie in Stein gemeißelt, sondern dynamisch und im ständigen Veränderungsprozess. So haben wir Bergsteiger eben auch unseren Verhaltenskodex, aber man kann sich fragen: Braucht der Alpinismus überhaupt Werte? Warum nicht einfach ohne Wenn und Aber auf die Gipfel stürmen, den maximalen Spaßfaktor herauskitzelnd? Mit genau diesen Fragen beschäftigte sich 2002 der „Future of Mountain Sports“-Kongress in Innsbruck. Zahlreiche Spitzenbergsteiger wie Messner und Huber diskutierten, was die Werte hielten. Am Ende entstand mit der „Tirol Deklaration“ ein Resultat, das als eine Anleitung zu „Best Practices im Bergsport“ zu lesen ist, ein Standardwerk der ethischen Grundlagen im Bergsport. Zehn Appelle stehen an dessen Spitze, breit gefächert von der Risiko-Akzeptanz über ein faires und tolerantes Verhalten am Berg bis zur nachhaltigen Unterstützung der lokalen Bevölkerung.

Gelebte Tradition: Kletterer in der Sächsischen Schweiz / Elbsandsteingebirge. Foto: Simon Schöpf

Die Deklaration liest sich ein wenig wie die zehn heiligen Gebote des Bergsteigens. Eine ehrenwerte Sache, die die meisten von uns wohl unterschreiben würden, doch hat sie sich in der Praxis durchgesetzt? „Eigentlich waren wir damals schon zu spät dran. Die Macht des Faktischen hat uns überholt“, meint der Organisator der Konferenz, Alpenvereins-Generalsekretär Robert Renzler, 17 Jahre später im Jahr 2019. „Die Seele des Sports hat sich geändert.“ Klettern wird demnächst eine Olympische Disziplin sein, im Höhenbergsteigen sind Flash-Expeditionen mit der Druckkammer fürs eigene Schlafzimmer der letzte Schrei, Bouldern ist bunter Breitensport geworden. Und dennoch: Im Bergsport gibt es immer noch kein Schiedsgericht, es fehlt ein klar vorgeschriebenes Regelwerk und gesetzliche Vorgaben greifen nur in gewissen Bereichen. Kann also „draußen“ jeder Alpinist tun und lassen, was sie oder er will? Brauchen wir doch so etwas wie die „Tirol Deklaration 2.0“?

“To bolt or not to be”

Ein greifbares Beispiel für das abstrakte Konstrukt eines wandelnden Wertes über die Zeit bietet die Bohrhakendiskussion. Die Generation der Kletterer, die die Einführung des „Boreal Firè“-Kletterpatschens mit seiner revolutionären Gummisohle noch als die größte je dagewesene Innovation feierte, steht plötzlich einer Generation gegenüber, für die die Kletterhalle zum zweiten Wohnzimmer wurde, den Clipstick bei Felsfahrten immer im Rucksack. Das Ziel der Protagonisten ist und bleibt irgendwo dasselbe, nämlich im besten Sinne der Freikletterei vertikale Meter nach oben zu machen. Nur: Ob man dabei an bunten Kunstharzgriffen in einer klimatisierten Kletterhalle seine ersten Vorstiegsmeter macht oder in seinen Lehrjahren mit dem feucht-brüchigen Kalkgestein der Laliderer Nordwände sozialisiert wurde, das sind zwei Welten, oder auch: Ein völlig neuer Zugang zum Bergsport.

Not much bolts: „Locker vom Hocker“, Schüsselkarspitze, Tirol. Foto: Simon Schöpf

Dass „Generation Firè“ dann nächtelang mit größtem Enthusiasmus darüber debattiert, wo und ob bei einer Routensanierung eines Kaiser-Klassikers nun ein Bohrhaken gesetzt werden darf, und „Generation Clipstick“ kurzer Hand ein paar Meter weiter links eine komplett mit glänzenden Bohrhaken abgesicherte Modetour erschließt, das ist genau die von Renzler angesprochene „Macht des Faktischen“. Der Wert „Sicherheit“ hat gegenüber des Wertes „Abenteuer“ aufgeholt, ganz einfach, weil die neue Generation der Kletterer das so gewohnt ist. Die internationale Vereinigung der Alpinistenverbände UIAA hat darauf mit ihrem Manifest „To bolt or not to be“ reagiert.

Natürlich gibt es davon genügend Ausnahmen, und die „alten Werte“ werden durchaus bewusst auch im Zeitalter der Bohrhaken hochgehalten. Ein besonderes Laboratorium in dieser Hinsicht sind und bleiben die Dolomiten, wo auch heutzutage noch genügend Neutouren im klassischen Stile mit Schlaghaken, Hammer und Klemmkeilen erschlossen werden. Und das nicht nur von „alten Hasen“, sondern auch von „jungen Hüpfern“. So beschreibt AVS-Förderpreisträger Alex Walpoth in einem Bergundsteigen-Beitrag über Reinhold Messners Einfluss und Ethik kürzlich: „Durch den Sportkletterboom sind Bohrhaken zur Normalität geworden. Wo setzen wir heutzutage die Grenze zwischen Klettergarten und Gebirge? […] Ich denke, dass in Südtirol zurzeit viele junge Alpinisten jene Ansichten teilen und auch versuchen, diese in neuen, herausfordernden Routen umzusetzen.“

Der klassische, auf Verzicht basierte Alpinismus lebt also auch im Zeitalter der Kletterhallen weiter. Den theoretischen Unterbau dieser Ethik beschrieb Messner in seinem berühmten 1968’er Essay „Mord am Unmöglichen“, in dem er flammend zum Verzicht auf technische Hilfsmittel und insbesondere Bohrhaken aufrief. Eine Linie, der er sowohl in der Praxis als auch in seinen Büchern treu blieb. In „Die Freiheit, aufzubrechen wohin ich will“, schreibt Messner: „Ich habe gelernt mich einzuschränken, um weiterzukommen. In der Freiheit gibt es den Verzicht, aber keine Grenzen.“

Frei/heit: Schlottergrat, Pflerscher Tribulaun. Foto: Simon Schöpf

Freiheit von, Freiheit zu

Und just dieses magische Wort „Freiheit“ hat es den Bergsteigern seit jeher auf spezielle Weise angetan. Lange vor dem Boreal Firè ging es den Protagonisten der damals noch überschaubaren Szene oft neben der körperlichen Ertüchtigung nicht minder um ein Statement gegen die Gesellschaft, eine Art Lifestyle im Gewand der Rebellion. Alpinklettern war nicht selten mit einem existenzialistischen Touch verbunden, es war gefährlich und non-konform. Wer kletterte, wägte sich frei von den Zwängen und Normen, konnte im wilden Gelände abseits der spießigen Zivilisation eben selbst (und frei!) entscheiden, wohin sein Abenteuer gehen solle. Es war aber auch eine Freiheit zu etwas, eine freie Entscheidung hin zum selbst auserwählten Risiko, zur vollen Selbstverantwortung. Vielleicht war deshalb die Freiheit in der Welt der Alpinisten der Wert par excellence. Ist er es heute immer noch? Die Rahmenbedingungen haben sich jedenfalls geändert: Die Alpen, durch und durch erschlossen, die Ausrüstung mit Sicherheitsstandards normiert, die Helikopterrettung nur einen Griff in die Hosentasche entfernt.

Junge Alpinisten

Ersetzen die endlosen Instagram-Feeds mit ihren beschönigten Bildern die Bergliteratur als Inspirationsquelle der Jugend? Wer sind die Messners im Jahre 2019? Ein guter Startpunkt für eine Exploration in die Werte der Jetztzeit sind die Jungen Alpinisten – eine Initiative, mit der der Alpenverein Jugendliche und Bergsport wieder näher zusammenbringt und ihnen dabei die Möglichkeit gibt, von Weltklassealpinisten zu lernen.„Es mangelt uns nicht an Kindern, die an bunten Hallenplastik herumhangeln. Aber Jugendliche, die echtes Bergsteigen leben, sind selten“, sagt Matthias Pramstaller, Projektleiter von Junge Alpinisten.

Drei Zinnen. Foto: Simon Schöpf
Drei Zinnen, nordseitig. Foto: Simon Schöpf

Bei ihrer Abschlussexpedition in das nordindische Kinnaur gelangen dem Team drei Erstbesteigungen von 6.000ern über fordernde Felskletterei, das Werkzeug zum Zweck waren dabei Camelots, nicht Bohrhaken. „Wenn’s geht, sind wir clean unterwegs. Wir wollen dabei aber nicht selbstmörderisch werden, für Notfälle war ein Handbohrer im Rucksack“, meint Peter Mühlburger, einer der Jungen Alpinisten. Oder man frägt einen Fabian Buhl, der in seiner Neutour „Ganesha“ (8c) auf der Loferer Steinplatte mit vier Bohrhaken in sieben Seillängen bemerkenswert haushaltete. „Weil einfach raufbohren, das könnt ja sogar mein Opa“, sagt er dazu.

Das ist natürlich das eine Extrem, potentielle Wiederholer für Routen à la „Ganesha“ lassen sich wohl an einer Hand abzählen. Für das breitere Klientel am anderen Ende der Skala erscheinen Führer wie „Dolomiti Plaisir“, in dem sich ausschließlich gut abgesicherte alpine Sportkletterrouten finden. Für Leute, die aus der Halle kommen, für Leute, die eben nicht auf professionellem Niveau trainieren, für Leute mit kleinen Kindern zu Hause. Kurz, für Bergsteiger, die ganz einfach ohne viel Risiko schönen Fels klettern wollen, mit dem Wert „Spaß an der Sache“ im Vordergrund.

Die gute Nachricht: In den Bergen ist genug Platz für alle. Letzten Endes geht es eben nicht nur darum, dass ich einen Berg besteige, sondern wie ich ihn besteige, gestern wie heute. Über dieses wie soll jeder selber entscheiden können. Das zumindest eint die Generationen: Werte müssen von innen kommen und eine Herzensangelegenheit sein. Nur dann sind sie weisende Begleiter durch die schroffe Welt der Berge, in die es uns fortwährend zieht als Sammler exklusiver Lebensmomente.


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