Arctic Haute Route: Skitouren vom Gipfel bis zum Meer

Ein Virus hat momentan unseren Alltag fest im Griff. Kein Reisen. Keine Skitouren. Kein garnix. Erlaubt ist: Daheim sitzen. Wird gemacht, aber träumen darf man immer noch, vom Reisen, von Skitouren, von garnix. Hier deshalb ein Artikel von mir, der mit den tollen Fotos von Lukas Pilz letzten November in der Zeitschrift The Red Bulletin erschienen ist (und in drei Sprachen übersetzt wurde). Ob das irgendwas hilft? Keine Ahnung. Aber besser als garnix allemal.

Background: Ja, es war ein verdammtes Gegurke da rauf in den tatsächlich hohen Norden. Fast einen Tag waren wir unterwegs, im Himalaya wären wir schneller gewesen. Und dann noch: Kack Wetter. Zwar massig Schnee, aber aber halt null Sicht. War schon richtiggehend deprimierend, den Wetterbericht zu checken. Aber das ist halt Nord-Norwegen. Ein paar kleine Sonnenfenster sind sich dann doch ausgegangen, da haben wir dann auf den Auslöser gedrückt. Alles in allem trotzdem ein toller Trip, die Verpflegung auf dem großen Damper war spitzenklasse (Danke, Norwegian Adventure Company), aber so ein wolkenloser Tag auf den Lofoten, das wäre halt schon ein Traum gewesen. Nächstes Mal lieber drei Wochen bleiben, sicher ist sicher.

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Skitouren, weit jenseits des Polarkreises: Redakteur Simon Schöpf begibt sich auf die Jagd nach dem perfekten summit-to-sea-ride und sucht Powder vom Gipfel bis zum Meer.


Die Böe trifft uns mit voller Wucht, nur mit Mühe halten wir das Gleichgewicht. Kleine, scharfe Eissplitter donnern mit gefühlten hundert Stundenkilometern gegen unsere Wangen, so tief es geht ziehen wir die Kapuzen unserer Gore-Tex-Jacken ins Gesicht. Ein Kunststück, in diesem Schneesturm die Felle von den Skiern zu lösen, unkontrolliert wuchten wir sie in den Rucksack. Die Farbpalette der Natur hat auf monochrom geschaltet, weißer Schnee, schwarze Felsen. Aus, Schluss, wir müssen umdrehen – und wohl oder übel ohne Gipfelerfolg Richtung Fjord abschwingen.

Mit dem Winterwetter ist eben nicht zu scherzen im Breitengrad 68°N, ein gutes Stück nördlich des Polarkreises. Wir sind auf den Lofoten, der norwegischen Inselkette, die am Globus irgendwo ganz weit oben verspielt in den Atlantik hinausragt. „Hier haben wir oft alle vier Jahreszeiten innerhalb einer Stunde“, meint unser Bergführer Isaak. Die Meeresnähe sorgt verlässlich für einen Wetterwechsel im Zehnminutentakt, auf Schneesturm folgt Sonnenfenster folgt Schneesturm.

In der dunklen Jahreszeit verirren sich nur wenige Leute hierher, höchstens ein paar verrückte Freaks wie wir, die bloß von einer Sache träumen: Dem perfekten summit-to-sea-ride. Heißt, im fluffigsten Powder vom Gipfel bis ganz runter zum Meeresspiegel shredden, das ist unser Traum, dafür sind wir in den hohen Norden gekommen. Es gibt weltweit nicht viele Plätze, die eine derart malerische Vorlage für dieses Vorhaben bieten, die Lofoten sind vielleicht der schönste davon. Nur: Es müsste halt mal die Sonne scheinen. Tut sie heute aber nicht, also kehren wir vom Sturm gezeichnet zurück in unser schwimmendes Basislager, der MS Nordstjern, die im schützenden Austnesfjord auf uns wartet.

Arctic Haute Route, Norwegen: Skitouren nördlich des Polarkreises. Foto: Simon Schöpf
Die MS Nordstjern, unser schwimmendes Basislager. Foto: Simon Schöpf

80 Meter ist er lang, der altehrwürdige Dampfer, der im früheren Leben ein Postschiff auf der Hurtigrouten war. Jetzt, renoviert und für Skitourengeher ausgebaut, ist sie unsere homebase für die Arctic Haute Route, die uns zu den schönsten Tourenspots des arktischen Nordens führen wird. Gemächlich wirft sie ihren rustikalen 3.600-PS-Dieselmotor an und tuckert los Richtung offenes Meer. Schroff und unnahbar ragen die Berge von hier betrachtet direkt aus dem Fjord in den Himmel, einen 800er könnte man gut und gerne mit einem 4000er in der Zentralschweiz verwechseln, würde man am Foto unten das Meer wegschneiden. Die Gipfel haben die Anmutung der Westalpen im Hosentaschenformat. Mit Sonnenuntergang ist der Fjord verlassen, und der Sturm holt uns auch hier wieder ein: Der Wellengang wird höher, die MS Nordstjern beginnt zu schwanken, zuerst sachte, dann seriös, das Dessert muss man schon gut festhalten, will man noch was davon haben. Dann gerät der Dampfer schwer in Schieflage, Stühle fliegen um, in der Bar scheppert es, überall Scherben. Willkommen am Nordmeer mit schlechter Laune. Wir schippern weiter nordwärts, vorbei an den Vesterålen Richtung Kvaløya, einer Insel vor Tromsø.

Neuer Tag, neues Glück. Vor jeder Skitour der Routine-Check: Pieps, Schaufel, Sonde, Schwimmweste. Alles da. Sekunde … Schwimmweste? Wer die Arctic Haute Route angeht, der muss sein Safety-Repertoire eben etwas erweitern. Im Schlauchboot geht es Richtung Ufer, die Skibrillen setzt man hier schon allein wegen der spritzenden Gischt auf. Dann tatsächlich, zwischen den Wolken werden blaue Flecken sichtbar, wir geben Gas, bis die Oberschenkel brennen. Am Vorgipfel reißt der Himmel endgültig auf und wir stehen bei Sonnenschein am Gråtiden (871 m), der Grauspitze. Ein schneller fist bump am Gipfel, die Bindung hurtig auf Abfahrt eingestellt, und ab geht‘s: Eine hindernislose Abfahrt bis zum Strand, das Meer beständig als endloser Backdrop, jeder Schwung ein Genuss. Schlussendlich haben wir doch noch bekommen, wovon wir so lange geträumt haben: Den perfekten summit-to-sea-ride, Mission erfolgreich.


Wussten die Wikinger schon vor 1.000 Jahren: Stockfisch ist Superfood und auf den Lofoten Kult. So stellst du Tørrfisk selber her!

  1. Ins Nordmeer schippen und Angel ausfahren. Und besser eine stabile nehmen, denn die Kabeljaue können bis zu 50 kg schwer werden.
  2. Ganz und gar Wikinger sein: Den armen Fisch köpfen, Innereien entfernen.
  3. Ein stylisches Holzgerüst in Dreiecksform bauen, Fisch an der Schwanzflosse aufhängen. Köpfe separat, alles wird verwertet.
  4. Chillen. So 2 bis 3 Monate muss der Torso im idealen Lofoten-Klima abhängen, dann kannst du ihn anknabbern. Wenn du dich traust, Wikinger?

Aurora Borealis: Schon mal Nordlichter gesehen?

  • Total abgespaced: Geladene Sonnenpartikel werden durch eine Explosion mit hoher Geschwindigkeit in das Magnetfeld der Erde katapultiert. Die Partikelwolken treffen mit den Gasen der Erdatmosphäre zusammen, und leuchten dadurch. Flashed.
  • Ein Regenbogen in der Nacht: Grünes Licht entsteht durch Sauerstoffatome, die in gut 100 Kilometer Höhe angeregt werden, rotes Licht in etwa 200 Kilometer Höhe, auch blauviolett ist möglich.
  • Galileo Galilei himself gab der Erscheinung ihren Namen: Aurora, nach der römischen Göttin der Morgenröte. Auf der Nordhalbkugel heißt das Polarlicht Aurora borealis, auf der Südhalbkugel spricht man vom Aurora australis.

Safety Gear: Wie du der Lawine entkommst.

Oberster Grundsatz, du ahnst es: Gar nicht erst in eine Lawine kommen. Falls doch, ist dieses Gear überlebenswichtig.

  1. LVS a.k.a Lawinenpieps: Ein kleiner Transmitter, den du ständig nah am Körper trägst. Im Falle einer Verschüttung durch eine Lawine sinken deine Überlebenschancen von Minute zu Minute dramatisch – durch das Signal des Lawinenpiepser können dich deine Freunde orten und ausbuddeln. Achtung: Ohne Gewähr!
  2. Airbag-Rucksack: Dein Auto-Airbag im Rucksack verbaut. Im Falle eines Lawinenabgangs musst du diesen händisch auslösen, dein Rucksack bläht sich innerhalb von Sekunden auf, die Idee: Dich größer machen. Der physikalische Hintergrund ist der Paranuss-Effekt („Müsli-Effekt“), dieser führt dazu, dass sich in einem fließenden Medium wie einer Lawine die volumenmäßig größeren Körper an der Oberfläche absetzen. Kannst du beim Frühstück gleich nachtesten, schüttel‘ mal dein Müsli durch und schau, was oben liegt!
  3. AvaLung, oder: Schnorcheln in der Lawine. Mit dieser taucherartig anmutenden Lawinensicherheitslösung wird deine Frischluftzufuhr beträchtlich verbessert. Die CO2-haltige, ausgeatmete Luft wird seitlich abgeführt, frische Luft zum Einatmen wird über ein Ventil aus dem Schnee herausgefiltert.

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